Gute Rechtsberatung – für welchen Preis?

Datum 26.04.2019 11:22 | Thema: DEFAULT

Rechtsanwälte gelten allgemein als Gutverdiener.


In der Öffentlichkeit gibt es deshalb wenig Verständnis dafür, dass die Rechtsanwaltsgebühren nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz erneut angehoben werden sollen (und müssen!).

Warum?

In einem Artikel in einer juristischen Fachzeitschrift hat ein Kollege den Blick in die Zukunft gewagt und prophezeit, dass es bald keine Rechtsanwälte mehr geben wird, welche für diese Beträge nach dem RVG Mandate aus bestimmten Rechtsgebieten, welche aber für die allgemeine Bevölkerung wichtig sind, bearbeiten.

Schon heute ist die Prüfung und Bearbeitung einer Betriebskostenabrechnung, einer Mietminderung, teilweise auch der Kündigung eines Mietverhältnisses nicht kostendeckend möglich.

Der Trend geht dazu, die Anwaltstätigkeit nach Zeit- und Stundensätzen zu bearbeiten. In Großstädten, wo das Schwergewicht auf der Bearbeitung spezieller wirtschaftsrechtlicher, komplexer Sachverhalte liegt, ist die Anwaltsstunde häufig nicht unter 350,00 € netto zu bekommen. Aufträge, die mit den gesetzlichen Gebühren abgegolten werden, werden dort abgelehnt.

Wer lässt bei hohen Stundensätzen noch eine Betriebskostenabrechnung oder einen Minderungsfall bearbeiten?

Die gesetzlichen Gebühren liegen hier in der Regel sehr viel niedriger und zwar unabhängig vom Zeitaufwand, welcher für die Bearbeitung notwendig ist.

Die Rechtsschutzversicherung hilft nicht, weil diese nur die gesetzlichen Gebühren bezahlt.

Wir sind zwar nach wie vor darum bemüht, - soweit es die Umstände zulassen - nach wie vor für die gesetzlichen Gebühren unsere Leistungen anzubieten, was aber ohne die Anhebung der gesetzlichen Gebühren nicht auf Dauer möglich sein wird.

Befürchtet wird speziell in Ballungszentren, aber auch in ländlichen Gebieten, dass nicht kostendeckende Mandate nicht mehr bearbeitet und abgelehnt werden.

Geht dies auf Kosten der Qualität der Rechtsberatung?

Bereits jetzt ist durchaus spürbar, dass (außerhalb der Großstädte, wo zum Teil Stundensätze vereinbart werden, die weit über den gesetzlichen Gebühren liegen) Mandate auf der Basis der gesetzlichen Gebühren abgelehnt werden und andererseits ein erheblicher Nachwuchsmangel existiert.

Wer kümmert sich um die Rechtsprobleme der „Normalbürger“? Wird es einen Anwaltsmangel auf dem Land geben, ähnlich wie bei den Hausärzten?

Dies alles ist eine mehr als schlechte Entwicklung. Wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, dass zu einem effektiven Rechtsschutz auch die Möglichkeit auf qualifizierte Rechtsberatung gehören muss, welche auch außerhalb der Ballungszentren gewährleistet werden muss.

Die derzeitigen Entwicklungen, was sowohl das Interesse der Nachwuchsjuristen an der Anwaltstätigkeit für „Normalbürger“ angeht als auch den dafür zu bezahlenden „Preis“, entwickeln sich rückläufig.

Warum findet sich auch für unsere Kanzlei und für viele andere Kollegen, die Nachfolger für Ihre Kanzleien suchen, kein Interessent, der zu den „Normalpreisen“ und der gesetzlichen Vergütung auf dem Land den Anwaltsjob noch übernehmen und ausfüllen will, obwohl dort ein Mandantenstamm übernommen werden kann, welcher dem Nachwuchs auf Jahre hinaus und ohne großen Konkurrenzdruck ein sicheres Einkommen gewährleisten könnte?

Die Zeiten ändern sich, für Anwälte aber auch für Rechtssuchende und „Normalbürger“.

Hans-H. Doppler, Rechtsanwalt 





Dieser Artikel stammt von Rechtsanwalt Germersheim Doppler & Sinn
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